Ex-Konrektorin im Interview mit der LZ

Interview

„Inklusion eignet sich nicht als Sparmaßnahme“

Ex-Konrektorin Gaby Peterjürgens hält qualifiziertes Personal für das Wichtigste

 

Die Grundschule Hiddesen hat ihre Konrektorin verabschiedet. Gaby Peterjürgens gilt als Verfechterin der Inklusion und arbeitete als solche unter anderem in der ersten lippischen Integrationsklasse.

Detmold-Hiddesen. Aber auch darüber hinaus machte sich die Hiddeserin für das Miteinander von Kindern mit und ohne Handicaps stark. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen, Voraussetzungen für erfolgreiche Inklusion und derzeitige Mankos.

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Frau Peterjürgens, warum liegt Ihnen das Thema Inklusion am Herzen?

Gaby Peterjürgens: Es ist wichtig, Kinder nicht einfach auszusondern.

1987 gab es nur zwei Schulen in NRW, die Gemeinsamen Unterricht angeboten haben. Wie kam es dazu, dass Sie hier in Lippe zusammen mit einer Sonderpädagogin die erste Integrationsklasse betreut haben?

Peterjürgens: Mein Schwerpunkt lag auf der Verbindung zwischen Grundschule und Sonderschule. 1983 hatten wir den Verein „Integrative Erziehung e.V.“ gegründet, es gab Veranstaltungen der Landeselternschaft und auch auf Bundesebene zum Thema „Kinder ohne Aussonderung“. Gisela Bergmann, die damalige Leiterin der Grundschule Hiddesen, kam auf den Verein zu. Sie hat gesagt, sie könne sich eine Integrationsklasse vorstellen und hat sich dafür stark gemacht, dass ich hierher kam.

 

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Peterjürgens: Es liegt nicht an der Intelligenz oder am Grad der Beeinträchtigung, ob ein Kind in einer Integrationsklasse unterrichtet werden kann. Einige fügen sich gut ein, anderen ist beispielsweise schon das Gewusel zu viel. Kinder sollten immer als Individuen gesehen werden, mit zielgenau auf sie abgestimmten Lern- und Fördermaßnahmen.

 

Was ist sonst noch für Inklusion nötig?

Peterjürgens: Qualifiziertes Personal ist am wichtigsten. Mit den Räumlichkeiten kann man sich arrangieren. Die Frage ist, ob man wohnortnah einschult, so dass dann eventuell nur zwei Kinder mit Handicaps in einer Klasse sind und auf eine durchgehende Doppelbesetzung verzichtet werden muss oder ob mehr Kinder mit Beeinträchtigungen unterrichtet werden, sodass mehr Sonderstunden zusammen kommen und eine Doppelbesetzung mit einer Sonderpädagogin möglich ist.

 

Reicht eine entsprechende Fortbildung eines Grundschullehrers nicht aus?

Peterjürgens: Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der Sonderpädagogik sollten unbedingt in der Schule ankommen – zum Wohle der Kinder. Inklusion eignet sich nicht als Sparmaßnahme der Landesregierung

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Nach vier Jahren ging es an der Grundschule Hiddesen mit Integrationsklassen nicht weiter. Woran lag das?

Peterjürgens: Die Arbeit wurde dann an der Weerth-Schule fortgeführt, wo seitdem regelmäßig Kinder mit Handicaps aufgenommen werden.

 

Was halten Sie von Inklusion an weiterführenden Schulen?

Peterjürgens: An Grundschulen ist Inklusion im Projektunterricht und vor allem durch Differenzierung möglich. An den weiterführenden Schulen fehlen häufig gemeinsame Projektthemen, vieles ist verkopft. Kinder ohne Gymnasialempfehlung sind im zieldifferenten Unterricht (Unterricht mit unterschiedlichen Anforderungen an die Kinder, Anm. der Red.) meines Erachtens in dieser Schulform nicht zu inkludieren. Es besteht die Gefahr, dass sie Außenseiter bleiben. Auch die Frage der Bewertungen und Zensuren ist noch nicht gelöst.

Sollten die Kinder nach der Grundschule besser auf Förderschulen gehen?

Peterjürgens: Nein, an der Geschwister-Scholl-Gesamtschule wird seit vielen Jahren erfolgreiche Integrationsarbeit geleistet. Inklusion kann aber nur dann Erfolge erzielen, wenn die Bedingungen stimmen. Leider findet zurzeit keine durchgängige Doppelbesetzung im Gemeinsamen Unterricht statt. Es werden dort nur Bruchteile von Sonderschullehrerstunden eingesetzt.

Vor zwei Jahren wurde der „Integrative Erziehung e.V.“ aufgelöst. Warum?

Peterjürgens: Wir haben unser Ziel erreicht – zumindest politisch.

Das Interview führte LZ-Redakteurin Jana Beckmann, erschienen am 6.02.2014