Sommerinterview an der Grundschule Hiddesen

Sommerinterview des Fördervereins der Grundschule Hiddesen mit dem Schulleitungsteam, Herrn Stefan Fromme und Frau Lisa Hendrich. Das Interview führte Andreas Balfanz am 3. August 2020.

Balfanz: Herr Fromme, Ende Februar haben unsere Kinder ein rundum erfolgreiches Zirkusprojekt hier auf dem Tennenplatz der Grundschule verlebt. Ich kann mich an eine Aussage von Ihnen erinnern „Ich glaube, dass Familie Sperlich aufgrund des Virus in den kommenden Wochen noch Probleme bekommen wird.“ Sie sollten Recht behalten, zwei Wochen später lernten wir alle, was ein Lockdown bedeutet. Wie haben Sie und Ihre Kolleginnen die Zeit kurz vor dem Lockdown erlebt? Gab es einen Plan und wann entstand dieser?

Fromme: Es häuften sich die Indizien, dass es zu einem Lockdown kommen wird. Mein Dienstkalender wurde immer leerer, es wurden Veranstaltungen abgesagt. Hinzu kamen Emails von der Landesregierung aus Düsseldorf mit bereits vorbereitenden Inhalten, dass Unterricht ausfallen könnte. Das Wort „Lockdown“ fiel nicht, aber wir beschäftigten uns mit der Frage, wie Unterrichtsausfall aufgefangen werden kann. Die Woche vom 9. März, kamen dann mehr oder weniger unausgesprochene Fragen aus dem Kollegium, wie lange wir das noch so weitermachen können. Vorsorglich haben wir die Kinder dann aufgefordert Ihre Sachen im Ranzen mit nach Hause zu nehmen. Und als dann die Meldung kam, dass in Niedersachsen die Schulen ab dem 13. März dicht sein werden, da war für uns in Hiddesen eigentlich auch alles klar. Am Freitag war ich vormittags noch mit der Klasse im Aqualip. Herr Balfanz, wir waren die einzigen zu dem Zeitpunkt. Das habe ich noch nicht erlebt. Aber wir waren nicht nur die einzigen, wie sich später herausstellte waren wir für die folgenden Wochen auch die letzten Besucher. Am Freitagnachmittag waren die Kinder bereits mit den Plänen versorgt, noch bevor die Sache in NRW offiziell war. Kurz danach dann die offizielle Pressekonferenz zum Lockdown mit dem Hinweis auf die Notbetreuung am folgenden Montag und Dienstag. Es war eine aufregende Woche bis dahin und man hat wirklich einen großen Zusammenhalt der Kolleginnen bemerkt, die sich gegenseitig sehr geholfen haben.

Balfanz: Meine Tochter ging in die 3. Klasse und ich muss sagen, sie hat ihr Programm voll durchgezogen. Sie hat ihre feste Pausenzeiten eingelegt in der sie in den Garten gegangen ist. Das Wetter war ja wirklich schön in den dann folgenden Wochen. Und auch der Kontakt zu ihrer Lehrerin riss nicht ab. Sie haben regelmäßig telefoniert und Defizite so gut es geht geklärt. Wie war Ihre bzw. die Erfahrung Ihrer Kolleginnen während des Homeschooling?

Fromme: Tja, da kam erstmal der Eindruck bei einigen Kindern auf, es sind nun Schulferien. Die Kinder brauchen eine Anleitung zum Lernen. Und dann gibt es welche, die können sich wunderbar selbst organisieren und sich ihr Päckchen genau so einteilen, wie sie es am besten schaffen und wollen. Naja, und dann gibt es aber auch die Kinder, die es selbst nicht ohne Anleitung und Betreuung schaffen, das ist doch aber ganz klar.  

Balfanz: Bitte verzeihen Sie mir schon vorab die provokante Frage, Frau Hendrich. In Gesprächen mit Freunden und anderen Eltern gab es häufig die Kritik, dass die Lehrer in Deutschland sich nicht ausreichend um Ihre Schützlinge kümmern, keinen Kontakt halten und sich auf die “faule Haut“ legen. Während die einen durch Kurzarbeit oder im Rahmen einer Selbstständigkeit teilweise erhebliche finanzielle Einschnitte hatten, hatten die Lehrer ausreichend Zeit, bei dem schönen Wetter ihren Garten “auf Vordermann“ zu bringen. Können Sie das bestätigen? 

Hendrich schmunzelnd: Wir Lehrerinnen haben bestmöglich Kontakt per Email zu unseren Schülern gehabt. Auch telefonisch wurde Kontakt gehalten, aber nicht jedes Kind kann das mit dem Telefonieren so einfach. Dann sind die Kolleginnen quasi auch in den Außendienst gefahren und haben Ihre Schüler besucht, nach vorheriger telefonischer Anmeldung und Terminvereinbarung. Es kam dann häufig zu „Türgesprächen“, man durfte ja nicht so einfach in die Räumlichkeiten. Wir haben sozusagen eine 1:1 Beziehung gehabt anstelle einer z.B. 1:25, was uns teilweise leider nicht gelungen ist, weil wir die Kinder nicht erreicht haben. Das war insgesamt schon eine ganz andere Herausforderung, etwas Neues, für das es kein Konzept gab. Auch die mentale Belastung war bei uns allen höher, denn mit jedem Tag, wo kein Präsenzunterricht stattfand, fiel wertvolle Zeit für immer weg. Zeit, in der wir mit den Kinder normalerweise interagieren, Werte und Normen vermitteln. Das geht über die Distanz nicht und die Digitalisierung ist ebenfalls noch lange nicht soweit, um dem gerecht zu werden. Ich war teilweise rund um die Uhr als Lehrerin beschäftig, auf Abruf. Einige Kinder oder Eltern riefen uns am Morgen an, einige auch erst nach 16:00 Uhr. Und auch in den Osterferien war von „Abschalten“ keine Spur. Wir hatten zum Ziel, dass Team-Klassengefühl irgendwie aufrecht zu erhalten. Dazu sollten die Kinder sich gegenseitig Briefe schreiben und teilweise haben wir es mit Online-Chat bzw. Videoportalen versucht.“

Balfanz: Ist das weitdiskutierte Thema „Digitalisierung“ und „Fernunterricht mittels PC oder Tablet“ für Sie ein Thema, welches nun stärker in den Fokus rücken muss…. auch für eine Grundschule?

Hendrich: Es gibt einen Medienentwicklungsplan vom Land, der feste Inhalte hat, die wir den Schülern, je nach Alter vermitteln müssen. Dieser Medienentwicklungsplan sieht aber nicht vor, den Unterricht von zu Hause aus zu steuern. Diese Herausforderung ist neu und muss sicherlich jetzt mit in Betracht gezogen werden. Insgesamt ist die Coronakrise sicherlich ein Katalysator für die Digitalisierung im Bildungswesen. 

Balfanz: Wie sieht der Zeitplan hier genau aus, wo sind hier genau die Zuständigkeiten beim Land, bei der Stadt und der Schulleitung? Und wie sieht der optimale Klassenraum in der 1. und in der 4. Klasse aus, wenn Geld keine Rolle spielen würde.

Fromme: Das Land legt ( manchmal auch  zusammen mit dem Bund) das Förderprogramm auf. Für die Ausstattung mit Laptops/Tablets hat das Land viele Millionen bereitgestellt. Die Schulträger beantragen dann für ihre Schulen. Der Schulträger, bei uns die Stadt Detmold, führt dann aus. Die Schule kann den Prozess leider überhaupt nicht beschleunigen. Wir können zwar Wünsche gegenüber der Stadt äußern, aber am Ende hängen wir am Tropf der Verwaltung. Detmold bekommt rund 365.000 Euro für alle Schulen und schlüsselt diesen Betrag dann entsprechend der Schülerzahlen auf. Wir sind gespannt, mit welchen Lieferzeiten wir für die Hardware und dessen Installation rechnen müssen, wenn die Bestellungen der Hardware erst einmal rausgegangen sind.. 

Balfanz: Jetzt nochmal ganz konkret. Wie bereitet man sich auf einen hoffentlich nicht erforderlichen erneuten Lockdown vor? Hilft der “Digitalpakt Schule“ des Bundes hier schon weiter? Wird es zukünftig eine einheitliche Plattform für Schüler zum E-lernen geben?

Hendrich: Die Plattform heißt iServ und es gibt sie schon. Sie kommt aber bei uns nicht vollumfänglich zum Einsatz, lediglich eine Cloudlösung. Ziel seitens der Stadt ist es, iServ flächendeckend bis Ende 2021 am laufen zu haben. In Niedersachsen läuft iServ bereits. Wir Lehrer hatten bis jetzt aber weder Schulungen, noch können wir supportet werden. Wenn es zu einem erneuten Lockdown kommt, dann gehen wir zurück auf Start – zurück in den April quasi. Es gibt bis jetzt keinen Plan B vom Land. Wir haben einen Monat vor dem Lockdown von der Stadt Detmold 3 iPads bekommen. Es sollen für jeden Lehrer welche folgen und auch einen Klassensatz. Die Apps auf den iPads kommen von der Stadt, ich als Medienbeauftrage an unserer Schule kann selbst keine Apps installieren bzw. runterladen. Der Medienentwicklungsplan von NRW sieht z.B. vor, dass die 1. Klässler im Computerraum einen Rechner hoch und runterfahren können. Man führt die Kinder an den PC heran. Später wird das Öffnen und Abspeichern von Dateien geübt. Am Ende der 4 Klasse sollen die Schüler auf den Tablets dann Informationen aus dem Internet ziehen können, leichte Programmierungen beherrschen und Fotos und Filme erstellen können. Ein Klassenraum wird dann optimalerweise einen Satz iPads sowie dessen Anbindung mittels AppleTV an einen großen Monitor haben. Hinzu kommt ein Computerraum mit Hardware, die ja vom FV vor kurzem erst auf den neusten Stand gebracht wurde.

Balfanz: Das Ende der Sommerferien steht kurz bevor. Wir haben heute den 3. August und die Nachrichtenlage sieht vor, dass auch Mundschutz getragen werden muss. Das bedeutet volle Klassengröße und Regelbetrieb bis Ende August erstmal. Wie können wir uns den Schulstart vorstellen und wie speziell haben sie die Einschulung der i-Männchen geplant. 

Fromme: Wir sind im kommenden Schuljahr wieder 3-zügig in den ersten Klassen unterwegs. Insgesamt kommen 63 neue Schülerinnen und Schüler auf die Hiddeser Grundschule. Das bedeutet, dass wir 3 Klassen bei der Einschulung haben. Zu jedem Kind sind 2 Elternteile zugelassen – es dürfen auch andere Familienangehörige kommen, allerdings insgesamt nur 2 pro Kind. Es gibt dieses Jahr keinen Einschulungsgottesdienst UND, die Klassenlehrerinnen sind bis jetzt noch nicht bekannt. Herr Balfanz, das gab es noch nie und wir fahren einen Notfallplan. Die Patenschüler aus der 3 Klassen haben für ihre Schützlinge einen Film vorbereitet, dieser wird bei der Einschulung gezeigt, falls sie nicht persönlich vor Ort sein können.

Balfanz: Anfang des Jahres konnte man der Presse entnehmen, dass die Grundschule zusammen mit der Stadt über eine Kontainerlösung auf dem Tennenplatz diskutiert. Die Sache ist ja beschlossen, Kontainer stehen aber noch nicht. Die Raumerweiterung wird vorerst für die 6 .OGS-Gruppe dringend benötigt und wir beide wissen, dass die Kontainer nicht vor Herbst bezugsfertig sein werden. Wie können Sie sich dann die Raumverteilung vorstellen. Welche Klasse(n) werden in die Kontainer ziehen?

Fromme: Es ist eigentlich nicht nachvollziehbar, dass die Kontainer nicht schon längst auf den Platz stehen und wir „sauber“ zum neuen Schuljahr mit den zusätzlichen Räumlichkeiten rechnen können. Es fehlen 2 Klassenräume. Denn der Zauberwald und eine zusätzliche 6 OGS Gruppe ziehen in die benachbarten Räume der heutigen OGS. Die Betreuung des Zauberwaldes und des Farbenlandes, insgesamt 7 Gruppen, sollen zusammenliegen. Ja, der Zauberwald soll wieder zurück zu seinem Ursprung. Herr Balfanz, der Schulentwicklungsplan der Stadt Detmold zeigt ganz deutlich den zusätzlichen Raumbedarf in Hiddesen und zwar seit über eineinhalb Jahren. Es ist für keinen nachvollziehbar, warum man es nicht schafft, 2 Kontainer auf einen Platz zu stellen, der ausreichendende Voraussetzungen dafür bietet bis der dringend erforderliche Neubau endlich kommt.

Balfanz: Ich gebe Ihnen da völlig recht. In der Zeit bauen Wirtschaftsbetriebe in Lippe zusätzliche Fertigungshallen von mehreren tausend Quadratmetern Nutzfläche. 

Balfanz: Wir beide, der Förderverein und die Schule haben uns ein Projekt für die ersten Wochen des neuen Schuljahres überlegt. Wir kooperieren mit Schülern aus dem Tutorenring des Stadtgymnasiums. Es handelt sich um zusätzliche unterstützende Angebote für Schülerinnen und Schüler, die das selbstständige Arbeiten in der Zeit des Homeschooling nicht umsetzen konnten und bei denen ein Bedarf durch die Lehrerin festgestellt wurde. Ein spannendes Projekt, welches bei Erfolg erstmal zeitlich nicht limitiert werden soll. Wie sehen hier die genauen Absichten und Planungen aus? 

Fromme: Das Potential der Kinder, die hierfür von Ihren Klassenlehrerinnen vorgesehen sind ist vorhanden, jedoch mangelte es in den letzten Monaten an Unterstützungsmöglichkeiten im häuslichen Umfeld. Hier möchten wir versuchen, mit den Gymnasiasten die Lücken so gut es geht zu schließen. Wir möchten was tun und wir sehen uns in der Pflicht, hier ein Zusatzangebot zu organisieren. Wir haben einen sehr gut aufgestellten und aktiven Förderverein an unserer Schule, der zum Glück die finanziellen Mittel hierfür zur Verfügung stellt. Sie sagten mir ja, Herr Balfanz, dass sie sich hier noch etwas einfallen lassen werden.

Balfanz: Wir gehen Klinkenputzen. In den vergangenen Jahren hatten wir tolle Unterstützer.

Balfanz: Wir befinden uns im Wahlkampf und seit ein paar Tagen kleben die Wahlplakate in Detmold. Was möchten Sie als Lehrerin, Frau Hendrich, dem zukünftigen Verwaltungschef im Rathaus mit auf den Weg geben und welche Wünsche haben Sie an die Politik? 

Wir müssen schneller zu Entscheidungen kommen und diese noch schneller umsetzen. Wir leben in einer schnelllebigen Welt und wenn es um Digitalisierung geht, dann trifft das noch viel mehr zu. Sie sagten eben bildlich, das Geld liegt auf er Straße. Wir haben den Digitalpakt Schule, das Geld ist da, es muss nur in die richtigen Mittel investiert werden. Herr Balfanz, stellt Ihnen ihr Arbeitgeber ein Laptop oder Tablet zur Verfügung? Wir Lehrer arbeiten derzeit noch mit unserem privaten Equipment. Dank des Fördervereins haben wir nun alle einen Microsoft Office 365 Account und damit immer die neuste Word und Excel-Version. Weiterhin können wir uns mit MS-TEAMS austauschen und Dokumente auf zeitgemäße Weise bearbeiten und teilen. Wir wehren uns dagegen, dass die Versäumnisse der Stadt uns einholen, aber wir bemerken hier und da, dass wir machtlos sind – Stichwort nochmal „Raumbedarf OGS“. 

Fromme: Wissen Sie, Herr Balfanz, wir möchten bei der Umsetzung der empfohlenen Maßnahmen, die aus dem Schulentwicklungsplan hervorgehen, teilhaben, wir möchten informiert und auf dem Laufenden gehalten werden. Wir möchten quasi „mit ins Boot“ geholt werden. Sie sprechen doch hin und wieder von New Work. Ist es da nicht auch ratsam, die Mitarbeiter frühstmöglich mit abzuholen, damit die Transformation ein Erfolg wird? 

Hendrich: Wir brauchen WLAN-Ausbau, vernünftige Lehrerarbeitsplätze und so vieles mehr. Die Schule braucht eine Umgebung, die zeitgemäßes Lernen ermöglicht.

Balfanz: Jaja, wenn ich mir überlege, dass für meine Große vor 3 Jahren nach dem Abgang von der Grundschule auf dem Stadtgymnasium dann wieder die „Kreidezeit“ begann und die geschätzten SMART Boards vermisst wurden. Ich hoffe, dass meine Kleine das im nächsten Jahr anders erfährt.  

Eine abschließende Frage noch. Frau Meyer im Hagen hat als Konrektorin die Grundschule Hiddesen leider verlassen. Gibt es einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin?

Frau Meyer im Hagen ist mit ihrer Familie nach Bayern gezogen. Ich wünschte mir sehr, ich könnte nun sagen, dass Frau Hendrich Ihre Nachfolge einnimmt, aber so leicht ist das leider nicht. Frau Hendrich erfüllt die regulatorischen Voraussetzungen noch nicht, so dass wir offiziell die Konrektorenstelle anders besetzen müssen. Die Stelle ist ausgeschrieben. Dennoch wird Frau Hendrich zunkünftig zum Schulleitungsteam zählen und verantwortungsvolle Aufgaben übernehmen. Als Medienbeauftragte wird sie zudem das Thema mit den iPads und der Software vorantreiben. 

Balfanz: Das hört sich sehr gut an. Vielen Dank für Ihre Zeit. Ich wünsche mir sehr, dass der Schulstart ohne große Probleme gelingt und wir bis Ende August durchhalten. Dann wird sich ja in NRW gezeigt haben, welche Einflüsse die Urlaubszeit gehabt hat. Alles Gute!

Fromme: Auch wir danken für das Gespräch und wir hoffen, dass auch die neuen Eltern an unserer Schule schnell erkennen, wie wichtig ein Förderverein für das Schulleben ist. Sorgen sie dafür, dass wir immer ausreichend finanzielle Mittel in der Kasse haben und lassen Sie uns zusammen mit der Elternvertretung die tollen Projekte umsetzen, die kurzfristig anstehen. Stichwort „Trommelzauber“.